Wenn die Kuh zur Mutter wird

© BIO AUSTRIA/Edler

In der Milchviehhaltung übernimmt in den meisten Fällen der Mensch die Mutterrolle für das Kalb. Das Interesse an einer kuhgebundenen Kälberaufzucht nimmt aber immer mehr zu. 

Gleich nach der Geburt oder ein paar Stunden danach wird das Kalb von der Abkalbebox in eine Kälberbox oder in einen Kälberiglu übersiedelt. Die erste Biestmilch wird oft mit der Flasche gefüttert und später wird auf Eimertränke oder auf den Tränkeautomaten umgewöhnt. Ein ganz normaler Ablauf auf einem Milchviehbetrieb, der eingespielt ist und zum Betriebssystem passt. 

Diese Art der Kälberaufzucht hat sich über lange Jahre hinweg auf Milchviehbetrieben etabliert. Die Kälber sind in einem abgegrenzten Bereich im Stall zusammen. Das erleichtert den Überblick bei der täglichen Versorgung. Der Tierbetreuer sieht sofort, ob alle Tiere vital sind. Auch die getrunkene Milchmenge kann bei der Eimertränke leicht kontrolliert werden. 

Umstieg interessant

Trotzdem entschließen sich immer mehr Biobäuerinnen und Biobauern, auf die kuhgebundene Kälberaufzucht umzusteigen. Dass Interesse an dieser Aufzuchtform besteht, zeigen auch die steigenden Teilnehmerzahlen bei Veranstaltungen oder Seminaren zu diesem Thema. 

Die Gründe für einen Umstieg sind vielfältig. Eine Umfrage bei Bio-Betrieben mit langjähriger Erfahrung hat ergeben, dass die Zeitersparnis, die Tiergesundheit und die höheren Gewichtszunahmen überzeugen. Die Kälber lernen schon früh Raufutter zu fressen. Auch die frühe soziale Prägung der Kälber wurde als Vorteil genannt. Kälber, die bei ihren Müttern oder bei Ammen aufwachsen, zeigen später weniger Verhaltensstörungen wie zum Beispiel das gegenseitige Besaugen. 

Als herausfordernd wurde die Zeit der Trennung genannt, wenn Kuh und Kalb wieder eigene Wege gehen müssen – nicht nur für die Kuh und das Kalb, sondern auch für den Betreuer. Jedes Tier hat einen eigenen Charakter und reagiert anders. Die einen sind sensibler, die anderen nehmen es leichter hin. Das „Schema F“ funktioniert da oft nicht. Es sind betriebs- und tierindividuelle Lösungen gefragt. Auch wie lange das Kalb von seiner Mutter oder von der Amme versorgt wird, ist betriebsindividuell. Es kann von 14 Tagen bis zu drei Monaten reichen. 

Flexibel umsetzbar

Grundsätzlich wird die kuhgebundene Kälberaufzucht grob in zwei Systeme unterteilt – die muttergebundene und die ammengebundene. Dazwischen gibt es viele Varianten, je nachdem wo der Tierhalter den Schwerpunkt setzt und welche Voraussetzungen am Betrieb bereits vorhanden sind. Eines ist allen gemeinsam: Es braucht in der Angewöhnungsphase genügend Zeit für die Kontrolle und Tierbeobachtung und es braucht einen geeigneten Bereich, wo Kalb und Kuh zusammen sein können. 

Im Idealfall wird der Kalb-Kuh-Bereich bei einem Neu- oder Umbau bereits mitgeplant. Ein Milchkuhstall ist üblicherweise nicht auf die Haltung von Kälbern ausgerichtet. Die kleinen Tiere können sich bei der Aufstallung oder der Entmistungsanlage leicht verletzten. Auch die Wasserbecken sind meist nicht in der passenden Höhe montiert. Hinzu kommen manchmal auch noch Konfliktsituationen mit den anderen Milchkühen, die keine Kälber haben. 

Von der Mutter versorgt

Bei der muttergebundenen Kälberaufzucht wird die Kuh weiterhin gemolken und das Kalb kommt zu bestimmten Zeiten zum Saugen zur Mutter. Den restlichen Tag verbringt es in der Kälbergruppe. Die Saugzeiten sind in diesem Fall oft an die Melkzeiten gekoppelt, entweder bevor die Kuh in den Melkstand geht oder danach. Je nach System verbringen die Kuh und das Kalb bei jeder Melkzeit 15 bis 60 Minuten miteinander. In der Praxis sind aber auch Systeme anzutreffen, bei denen das Kalb und die Kuh tagsüber oder in der Nacht beisammen sind. Die regelmäßige Trennung der Tiere zwischen den Saugzeiten hat den Vorteil, dass beim späteren Absetzen der Trennungsschmerz nicht so intensiv ist. 

Manche Kühe halten beim Melken instinktiv die Milch für ihr Kalb zurück. Das kann dazu führen, dass die gemolkene Milch von säugenden Kühen einen niedrigeren Fettgehalt aufweist. Das kommt daher, weil die fettreichere Milch, die bekanntlich erst zum Ende des Melkvorganges gemolken wird, im Euter bleibt. Laut Betriebsleiter mit muttergebundener Kälberaufzucht ist es hilfreich, wenn das Kalb ein paar Mal mit in den Melkstand geht. Kälberführende Milchkühe sind meistens auch in der Milchleistungskontrolle. Weltweit findet die muttergebundene Kälberaufzucht noch keine Berücksichtigung bei der Milchleistungsprüfung. Bei der Interpretation der Daten ist daher kuhindividuell zu berücksichtigen, dass die Milchleistung der Kuh nur die tatsächlich gemolkene Milchmenge widerspiegelt. Die vom Kalb getrunkene Menge scheint dort nicht auf. Bei den österreichischen Landeskontrollverbänden laufen derzeit Diskussionen wie zukünftig ein praktikables Bewertungssystem für kälberführende Milchkühe angeboten werden kann.

Mehrere Kälber versorgen

Einige Kühe sind „Vollblutmütter“. Sie würden am liebsten jedes Kalb adoptieren. Diese Kühe eignen sich am besten für die Ammenkuhhaltung. Bei diesem System sind die Kühe und die Kälber immer zusammen. Im Stall ist ein eigener Bereich dafür eingerichtet. Nach der Geburt bleibt das Kalb noch ein paar Tage mit seiner Mutter in der Abkalbebox. Meistens so lange, bis es richtig trinken kann. Danach kommt die Kuh wieder zur Milchkuhherde oder wenn sie als Amme geeignet ist, das heißt, wenn sie auch andere Kälber trinken lässt, kommt sie mit ihrem Kalb in die Ammenkuhgruppe. Dort versorgt sie dann je nach Milchleistung noch zwei bis drei fremde Kälber mit, die idealerweise ungefähr im gleichen Alter sind. 

Die Ammenkuhhaltung verlangt insbesondere in der Angewöhnungsphase einen höheren Arbeitsaufwand. Es muss regelmäßig kontrolliert werden, ob die Kälber genügend Milch aufnehmen bzw. ob die Amme das fremde Kalb trinken lässt. Am besten gelingt das, indem die Kälber regelmäßig gewogen werden. Da im Normalfall nicht alle Kälber zur gleichen Zeit auf die Welt kommen, sind in der Ammengruppe meist ältere und jüngere Kälber. Hier braucht es schon einiges an Erfahrung, damit alles klappt. Nachdem die Kühe ihre Aufgabe als Amme erfüllt haben, werden sie wieder in die Milchkuhherde eingegliedert. 

Gut planen

Ein Umstieg auf kuhgebundene Kälberaufzucht sollte gut geplant werden. Eine Lösung von der Stange gibt es nicht. Dazu sind die einzelnen Systeme und die betrieblichen Voraussetzungen zu unterschiedlich. Der beste Tipp für alle, die es probieren möchten, ist: Viel anschauen und mit vielen Bäuerinnen und Bauern, die bereits Erfahrung haben, reden. Auch über die Weidehaltung mit kuhgebundener Kälberaufzucht sollte man sich schon vorab Gedanken machen. Es hat Vorteile, wenn die Kälber mit ihren Müttern oder Ammen gemeinsam auf der Weide sind. Sie lernen schon früh grasen und die Kühe kümmern sich um die Kleinen. Es braucht aber geeignete Weideflächen, am besten in Hofnähe, damit Kuh und Kalb bei Hitze oder Regen jederzeit in den Stall können. Auch ein kälbersicherer Zaun sollte vorhanden sein. 

Die Nachfrage nach Produkten aus kuhgebundener Kälberaufzucht wird in Zukunft steigen. Momentan praktizieren die Biobäuerinnen und Biobauern diese sehr natürliche Kälberaufzucht aus Überzeugung und ohne finanzielle Abgeltung am Markt. In Deutschland haben sich bereits Betriebe zu Erzeugergemeinschaften gruppiert, die ihre Produkte entsprechend ausloben. Ein Gewinn muss nicht immer monetärer Natur sein. Warum nicht einen Teil der Arbeit mit den Kälbern auslagern, an Expertinnen, die es am besten können – die eigenen Mütter. 

Autorin:

DI Veronika Edler, Bio Austria Bundesverband